Bericht der Tagung Bildungsforschung 2020

Veranstaltet vom BMBF, fand am 27. Und 28. März 2014 die Tagung Bildungsforschung 2020 unter dem Motto „Zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und gesellschaftlicher Verantwortung“ in Berlin statt

Teilnehmer waren Wissenschaftler aus der empirischen Bildungsforschung und benachbarten Diziplinen sowie Vertreter der Praxis, der Bildungspolitik und –verwaltung.  Im Mittelpunkt der Tagung standen neben der Darstellung aktueller Ergebnisse aus der Forschung die Fragen, wie es um das wechselseitige Zusammenwirken von Wissenschaft und Praxis bestellt ist und, wo es Verbesserungsmöglichkeiten in der gemeinsamen Arbeit gibt. 

Die Tagung wurde eingeleitet von Prof. Dr. Kai Schnabel Cortina, Bildungsforscher an der University of Michigan. In seiner Keynote forderte Cortina einen höheren Anwendungs- bzw. Implementationsbezug der Forschung (eine „Verschiebung des Forschungsfokus“) sowie bessere Forschungsaufbereitung für Praktiker. Ziel müsse es sein, eine Verhaltensänderung in der Forschung anzustoßen. Vernachlässigt würde vor Allem die Begleitung und Evaluation der Durchführung von Maßnahmen (Implementationsforschung), nur so könne eine differenzierte Wirksamkeit festgestellt werden.

Z.zt. bestünden folgende Hürden im Wissenschaftssystem um Implementationsforschung zu betreiben:

  • Keine Anreize im Wissenschaftssystem für Forscher, diese Verbindung herzustellen (führt nicht zu Publikationen, Drittmittelförderung)
  • Verbindung zu Praktikern nötig

Cortina stellte das What Works Clearinghouse vor, welches 2002 vom Institute for Education Sciences (IES) des U.S. Department of Education eingerichtet wurde. Dort werden zentral, überprüfte, wirksame Lehr- und Lernpraktiken oder –programme und Empfehlungen für die Praxis aufbereitet und dargestellt (Practice Guides) .

Anschließend fanden am 27. Und 28. März je 7 parallele Foren zu Fragestellungen der empirischen Bildungsforschung statt. Titel und Inhalte der Foren finden Sie im Forenflyer 

Die Koordinierungsstellle für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung war mit der Durchführung des Forum 10 – Mehrsprachigkeit als Ressource beauftragt.

Den einführenden Vortrag hielt Prof. Dr. Rosemary Tracy. Sie gab einen Überblick über den aktuellen Stand des Forschungsbereiches, indem Sie den allgemeinen Konsens aber auch die Widersprüche darstellte: Konsens besteht in der Feststellung, dass Menschen ausgezeichnete Sprachlerner sind, dennoch in Deutschland hoher (hauptsächlich für Menschen mit Migrationshintergrund, aber nicht nur) Deutschförderbedarf besteht. Dies läge hauptsächlich daran, dass der Deutschkontakt zu spät kommt. Mehrsprachigkeit sei nicht die Ursache für Spracherwerbsstörungen. Widersprüche und eine Doppelmoral bestünden darin, dass Mehrsprachigkeit an sich toll gefunden wird, jedoch die realexistierende Mehrsprachigkeit von Migranten eher als Störfall, als als Potential betrachtet wird. Weiterhin problematisch sei, dass nicht alle Sprachen gleich geschätzt würden.

Laut Tracy sei Mehrsprachigkeit der Normalfall. Sie entmystifizierte die Erwartungen, die damit in der Gesellschaft verbunden sind. Mehrsprachigkeit bedeute demnach nicht:

  • ein perfekt gedoppelter Wortschatz – die Konzepte werden nicht immer gleichmäßig in den Sprachen lexikalisiert
  • dass man alle Sprachen gleich gerne spricht
  • dass alle Sprachen ein Leben lang beibehalten werden
  • dass eine Sprache „vererbt“ wird: jede Generation muss die Sprache neu erlernen

Mehrsprachigkeit bedeute vielmehr:

  • die Dominanz in einer Sprache
  • Arbeitsteilung, Komplementarität von Ressourcen: die Sprache, die am besten passt kann für einen gegebenen Zweck verwendet werden
  • Sprachwandel durch Kontakt mit anderen Sprachen
  • Konkurrenz im Kopf und Herausforderung für’s Gehirn
  • Versprecher, e.g. „Für Heaven’s Willen!“ „All of a sudden geht mir ein Licht an“

Für die Betrachtung von Sprache im Jahre 2020 stelle Tracy folgende Vision auf:

  • Sprache und Kommunikation ist ein Schulthema genau wie Hygiene, Ernährung, etc.
  • Über naive Dichotomien wird gelacht und eine ganzheitliche Sichtweise eingenommen
  • Sprache ist aus der „Projektecke“ rausgerückt. Sprache ist das Fundament für alle anderen Bereiche und nicht nur als additives Fach zu sehen.

Im weiteren Verlauf stellten sich die Projekte des BMBF geförderten Forschungsschwerpunktes „sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit“ vor.  Eine Übersicht der Projekte finden Sie hier.

Zusätzlich zur Posterpräsentation brachten die Projekte interaktives Material mit, welches im Rahmen ihrer Projekte zum Einsatz kommt und von den Teilnehmern ausprobiert werden konnte (Auswahl):

  • SprachsteckbriefeInformationen zu den in der Schule am häufigsten vorkommenden Muttersprachen. Charakteristiken der Sprache, wo wird sie gesprochen, Grammatikalische Grundlagen, Unterschiede zum Deutschen, Redewendungen, Hörproben etc.
  • Beispiele von Unterrichtsmaterialien, in denen Mehrsprachigkeit und verschiedene Sprachen thematisiert werden
  • Beispiele von argumentativen und narrativen Texten mit deren Hilfe schriftliche Fähigkeiten diagnostiziert werden, Aufzeigung der Analysekriterien für die argumentativen und narrativen Texte
  • Beispiel von russischen und deutschen Sprachanreizen: Szenario in Power Point Präsentation: Die russische Oma kommt nach Deutschland und das Kind soll ein deutschsprachiges Telefonat für sie erledigen. Das Ziel ist zu betrachten, mit welchen Kompetenzen mehrsprachige Kinder die Situation bewältigen.
  • Matching task: Papierschnipsel, auf denen sich Personen in verschiedenen Sprachen vorstellen und die Sätze mit der richtigen Sprache kombiniert werden müssen

Als weiterer Teil folgte das World Cafe, in dem in Kleingruppen folgende Fragestellungen diskutiert wurden:

  1. Welche Maßnahmen zur aktiven Nutzung der „Ressource Mehrsprachigkeit“ haben sich nach Ihren Erfahrungen in Ihren Arbeitsfeldern bewährt? Nennen Sie konkrete Beispiele, in denen Sie Mehrsprachigkeit als Ressource erlebt haben.
  2. Wo sehen Sie Forschungsbedarf zu Fragen der Nutzung der „Ressource Mehrsprachigkeit“

Anbei eine Auswahl der Antworten der Teilnehmer

Zu 1.)

  • Person kam während des Studiums aus der Türkei nach Deutschland und hätte gedacht, dass ihr Hauptproblem in der Bewältigung der deutschen Sprache liegen würde. Es stellte sich aber heraus, dass sie ihre türkischen Sprachkenntnisse nutzen konnte. Sie bekam Arbeit in einem Forschungsprojekt, welches sich mit Türkischkenntnissen von Schülern mit türkischem Migrationshintergrund auseinander setzte. Außerdem gab sie viel Nachhilfeunterricht im Türkischen
  • Person verbrachte Urlaub in Zypern und war in die Lage versetzt sich durch Schilder in anderer Sprach UND anderem Alphabet nicht orientieren zu können. Kann seitdem z.B. arabisch-sprachige Migranten besser nachvollziehen
  • Person (Lehrerin) berichtet, dass Schüler verschiedene Persönlichkeiten verkörpern, wenn sie in unterschiedlichen Sprachen sprechen (andere Persönlichkeit in Herkunftssprache)
  • Person berichtet, dass ihr unterschiedliche Sprache die Möglichkeit eröffne eine Situation aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.
  • Mehrere mehrsprachige Personen berichten vom Vorteil des Rückgriffs auf die erste Sprache beim Sprachenlernen
  • Person berichtet, dass Muttersprache im Ausland zu vielen Jobangeboten geführt habe (z.B. Arbeit in der Deutschen Schule oder in deutscher Buchhandlung, Reiseführerin, Übersetzung von Kochzeitschrift)
  • Lehrende an der Universität nutzt Code-Switching zum Markieren eines Funktionswechsels:  der inhaltliche Input wird auf Englisch gegeben, die Reglementierungen auf Deutsch.
  • Studierenden an der Universität nutzen die eigene Mehrsprachigkeit im Rahmen ihrer Qualifikationsarbeiten z.B. um für die Datenerhebung Zugang zu Communities zu bekommen. Es wird  angeregt die eigene Mehrsprachigkeit im Seminar einzubringen (z.B. für Sprachvergleiche)
  • Problem: die Studierenden haben oft schon gelernt, ihre anderen Sprachen als Deutsch im Bildungskontext nicht zu nutzen. Auch andere Teilnehmer berichten davon, dass es schwer sein kann, SchülerInnen, Auszubildende oder BerufsanfängerInnen zur Nutzung der eigene Mehrsprachigkeit anzuregen, wenn die bereits erfahren haben, dass bestimmte Sprachen in bestimmten institutionellen Kontexten nicht hoch angesehen werden.
  • Die Thematisierung dialektalen Sprachgebrauchs und der Einbezug von Dialekten in Mehrsprachigkeit werden von einigen TeilnehmerInnen als gute Möglichkeit bewertet, über Sprachvariationen in Deutschland zu sprechen und sprachliche Normen zu reflektieren.

zu 2.)

  • Der Wille die Mehrsprachigkeit anzuerkennen und zu nutzen sei oft vorhanden aber das methodische Wissen seitens der Lehrkräfte, dieses auch zu implementieren fehle. Forschung wäre also notwendig um herauszufinden, wie sich eine entsprechende Änderung im Lehrerhandeln nachhaltig etablieren kann.
  • Nötig sei eine adressantengerechte Aufbereitung von existierenden Maßnahmen und den Ergebnissen von Erprobungen von Intervention
  • Erstellung einer Didaktik der Mehrsprachigkeit 
  • Herstellung erfolgreicher Kooperationsformen zwischen Wissenschaft und Praxis, um das Thema Mehrsprachigkeit in der Schulentwicklung nachhaltig zu verankern 

Als Abschluss kommentierten zwei Vertreterinnen der Praxis das Forum aus Sicht der Praxis:

Antje Ipsen-Wittenbecher, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin

  • Schaut mit dem Blick der Schulberatung und der Schulbildung auf die neuen Projekte des Schwerpunktes 
  • Die Fragestellungen aus den Projekten und dem Worldcafé seien genau die gleichen, die Praktiker an Schulen beschäftigen
  • Durch die vielen neuen Ansätze wie duales Lernen, Jahrgangsübergreifender Unterricht, Ganztagesschule, die an den Berlinen Schulen umgesetzt werden, müssen pädagogische Kräfte in allen Bereichen ständig Neues lernen
  • Die Herausforderungen im Bereich Mehrsprachigkeit sind Haltungsänderungen von pädagogischem Personal aber auch den Eltern (Mehrsprachigkeit als Ressource und nicht als Risikofaktor sehen, alle Sprachen gleichermaßen schätzen) zu bewirken, dafür fehlten Handlungsstrategien
  • Die Bitte an die Forschung ist daher Wissenstransfer und Handlungsstrategien ermöglichen 
  • Betont, dass sie es in der Praxis immer wieder erlebt, hat, dass es Selbstbewusstseinszuwachs bei Schülern bedeutet, wenn man Sprachkenntnisse als positiv hervorhebt. 
  • Bemerkt, dass in manchen Schulen zu wenig von den Kindern mit Migrationshintergrund erwartet würde. Mit der Folge, dass z.B. das Niveau der Inhalte in homogenen Türkischgruppen herunter gefahren würde
  • Betont, dass FörMig dazu beigetragen hat, dass eine gute Fortbildung aufgebaut wurde, die auch im Ansprach genommen wird. Dies zeige, dass der Wille der Lehrkräfte vorhanden ist.

 Christiane Bainski, Leiterin der Landesweiten Koordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren (LaKI) NRW

  • Ziel der Forschung müsse es sein, die Alltagsmythen, die in den Schulen bestehen aufzulösen
  • Die Defizitperspektive von Mehrsprachigkeit müsse beseitigt werden und der Blick auf die Begabung und nicht auf die Fehler gelenkt werden
  • Konkret erhoffe sie sich von den Projekten Erkenntnisse über Lernerstrategien und Unterrichtsstrategien, die in der Praxis eingesetzt werden können (z.B. welche Methoden sind besonders hilfreich bei der Vermittlung von Schreibkompetenz)
  • Eine längerfristige Begleitung von in der Schule eingesetzten Maßnahmen sei notwendig mit dem Fokus auf den Gelingensbedinungen.
  • Die Lehrer Aus- und Fortbildung müsse systematisch anders gestaltet werden. Dafür sind gute Gründe notwendig, um Schulverwaltungen von längerfristigen Fortbildungen zu überzeugen.
  • Hofft, dass man in 2020 sagen kann, dass diese Ideen zumindest als Botschaft in der Praxis angekommen sind.
  • Hofft weiterhin, dass 2020 das Konzept der Einbindung von herkunftsprachlichem Unterricht eingeführt worden ist.
(05.05.2014, ah)