Abgeschlossen: Sprachliche und kognitive Ressourcen der Mehrsprachigkeit im Englischerwerb in der Grundschule (MEG-SKoRe)

Projektvorstellung

In den meisten Schulfächern wird Mehrsprachigkeit eher als Hindernis und nicht als Ressource für den fachlichen Lernerfolg gesehen. Jedoch erlernen mehrsprachige Kinder und Erwachsene schneller und einfacher weitere Sprachen als einsprachige (monolinguale) Altersgenossen. Vor diesem Hintergrund untersucht das Forschungsprojekt „MEG-SKoRe - Sprachliche und Kognitive Ressourcen der Mehrsprachigkeit im Englischerwerb in der Grundschule“, ob mehrsprachige Schüler(innen) ihre Mehrsprachigkeit als Ressource im frühen Englischunterricht nutzen können. Das Projekt fokussiert sich auf die Frage, ob mehrsprachig aufwachsende Grundschüler(innen) mit Deutsch als Zweitsprache unterschiedliche Erwerbsbedingungen und -verläufe im frühen Englischerwerb gegenüber einsprachigen Schüler(inne)n zeigen. So soll erforscht werden, (a) welche spezifischen Aspekte der Mehrsprachigkeit Einfluss auf den Englischerwerb haben und (b) ob und wie Mehrsprachigkeit als Ressource in der Fremdsprachendidaktik genutzt werden kann.

Der Forschungsstand zur frühen Mehrsprachigkeit und zum Englischerwerb im Primarbereich bietet ein sehr heterogenes Bild. So fanden bisherige Studien zu Englischkompetenzen in Lese- und Hörverständnis von einsprachig deutschen und mehrsprachigen Grundschüler(inne)n entweder keine Unterschiede in den Erwerbsverläufen oder geringere Leistungen mehrsprachiger Schüler(innen) (als Überblick, Keßler & Paulick, 2010). Ein Grund für diese heterogenen Befunde liegt sicher darin, dass mehrsprachige Schüler(innen) individuell unterschiedliche Voraussetzungen und Kompetenzen in ihren jeweiligen Sprachen und sozialen Hintergründen mitbringen, die sich auf den Englischerwerb auswirken können. Hierbei scheinen linguistische (Sprachenkombination), kognitive (z.B. Arbeitsgedächtnis) und soziale (z.B. sozioökonomische oder familiäre) Faktoren zu differentiellen Ergebnissen zu führen (z.B. Maluch et al., 2015; Wilden & Porsch, 2015). Deshalb berücksichtigt MEG-SKoRe diese Faktoren systematisch, um zu einem umfassenderen Verständnis der sprachlichen Profile mehrsprachiger Schüler(innen) im frühen Fremdsprachenerwerb zu kommen.

Wie und was wurde untersucht

Das Projekt ist in zwei Teilbereiche gegliedert. Teilprojekt 1 beschäftigt sich mit dem grammatischen Transfer und der Frage, inwieweit bestimmte Eigenschaften der Erst- und/oder Zweitsprache den Erwerb der englischen Grammatik beeinflussen. In Teilprojekt 2 wird der Frage nachgegangen, ob nicht-sprachspezifische Faktoren, wie z.B. metalinguistische Bewusstheit, d.h. Wissen über Sprache, als Ressource im frühen Englischerwerb genutzt werden können.

Teilprojekt 1: Wortschatz und Grammatik

Für Teilprojekt 1 wurden sowohl allgemeine sprachliche Kompetenzen (Sprachstand Wortschatz und Grammatik) als auch spezifische grammatische Kompetenzen ermittelt. Hierfür wurden Sprachdaten in Deutsch, Englisch sowie in der jeweiligen nichtdeutschen Erstsprache der mehrsprachigen Schüler(innen) erhoben. Zur Erfassung des passiven Wortschatzes wurde der „British Picture and Vocabulary Scale“ (BPVS-3; Dunn et al., 2009) verwendet, bei dem die Schüler(innen) ein englisches Wort hörten, dem sie im Anschluss eines von vier Bildern zuordnen sollten. Zudem wurde ein Wert für den produktiven Wortschatz mithilfe eines Kategorienbenennungstests (nach Delis, Kaplan & Kramer, 2001) ermittelt. Die Schüler(innen) bekamen Kategorien wie „food“ vorgegeben und nannten innerhalb einer Minute möglichst viele passende Begriffe. Im Bereich der Grammatik wurde der „Test for Reception of Grammar“(TROG-2; Bishop, 2003) verwendet. Hier hörten die Schüler(innen) einen englischen Satz und wählten anschließend aus vier Bildern das jeweils passende aus.

Neben diesen allgemeinen Sprachkompetenzen wurden spezifische grammatische Strukturen, d.h. Artikel, Subjekte und Wortstellung, untersucht. Diese wurden mithilfe einer computerbasierten englischen Satzwiederholungsaufgabe erhoben. In dieser Aufgabe hörten Schüler(innen) korrekte und inkorrekte englische Stimulussätze und sollten sie genauso wiederholen, wie sie sie gehört hatten. Abhängig davon, ob inkorrekte Sätze verbessert wurden, konnte die Kompetenz für diese grammatischen Strukturen getestet werden. In der Auswertung untersuchen wir, ob es etwa für den Gebrauch von Artikeln im Englischen einen Unterschied macht, ob die Erstsprache mehrsprachiger Schüler(innen) Artikel verwendet (z.B. Italienisch) oder nicht (z.B. Türkisch, Russisch).

Teilprojekt 2: Kognitive Ressourcen

Für Teilprojekt 2 wurden zum einen die metalinguistische Bewusstheit in Aufgaben z.B. zur phonemischen Zerlegung von englischen Wörtern („Was bleibt übrig, wenn man bei ‚green‘ den letzten Laut weglässt?“), und zum anderem das Sprachbewusstsein, d.h. die Fähigkeit, über Sprache explizit nachzudenken, untersucht. Hierzu sprachen die Schüler(innen) in einem Interview über ihre Sprachlernerfahrungen und diskutierten sprachliche Kontraste zwischen dem Englischen, dem Deutschen und ggf. ihrer Muttersprache.

Instrumente zu allgemeinen Fertigkeiten und Hintergrundfaktoren

Zusätzlich wurden kognitive Fähigkeiten z.B. kognitive Grundfertigkeiten und Arbeitsgedächtnis getestet. Familiäre, sprachliche und sonstige Hintergrundfaktoren wurden durch einen Elternfragebogen erfasst und u.a. mittels eines kurzen Lehrer(innen)fragebogens z.B. der Englischinput in den Schulen bestimmt.

Stichprobe

Die Daten wurden an zwei Testzeitpunkten von den gleichen Schüler(inne)n am Ende der dritten und am Ende der vierten Grundschulklasse an sechs Regelgrundschulen in der Rhein-Neckar-Region erhoben. Am ersten Testzeitpunkt nahmen 200 Schüler(innen) teil. Hiervon waren 88 einsprachig und 112 mehrsprachig. Die Gruppe der mehrsprachigen Schüler(innen) umfasste dabei ein breites Spektrum an folgenden Erstsprachen: Afghanisch, Albanisch, Arabisch, Bosnisch, Bulgarisch, Chinesisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Kroatisch, Kurdisch, Persisch, Polnisch, Romani, Rumänisch, Russisch, Serbisch, Spanisch, Tamil, Türkisch, Ungarisch, Vietnamesisch. Die größten Untergruppen waren hierbei Türkisch (40), Kurdisch (11), Albanisch (10) und Italienisch (8).

Ergebnisse

Die Ergebnisse aus der ersten Erhebungswelle zeigen, dass mehrsprachige Schüler(innen) als Gruppe statistisch signifikant geringere Leistungen in Wortschatz und Grammatik (Wortstellung) des Englischen, sowie in der phonologischen Bewusstheit und im Arbeitsgedächtnis im Vergleich zu einsprachig deutschsprachigen Schüler(inne)n erreichen. Zunächst scheinen diese Resultate Befunde vorheriger Studien zu bestätigen, die keinen Vorteil von Mehrsprachigkeit finden.

In Analysen, die den Einfluss von kognitiven, sozialen und schulischen Faktoren berücksichtigen, zeigt sich ein differenzierteres Bild. So dokumentiert etwa eine Regressionsanalyse für den englischen Wortschatz, dass besonders individuelle Unterschiede der Schüler(innen) in den kognitiven Grundfertigkeiten sowie die Unterschiede zwischen Schulen in ihrer sprachlichen Umgebung eine größere Bedeutung für den Umfang des Englischwortschatzes haben als der Faktor Mehrsprachigkeit der Schüler(innen) an sich.

MEG-SKo-Re Ergebnisse

In weiteren Analysen wurde der Einfluss des Faktors Mehrsprachigkeit auf den englischen Wortschatz unter Berücksichtigung der phonologischen Bewusstheit untersucht. Die Ergebnisse zeigen eine Verringerung des Einflusses der Mehrsprachigkeit auf den englischen Wortschatz unter Beachtung der phonologischen Bewusstheit. Mit anderen Worten, eine höhere phonologische Bewusstheit ist mit einem größeren Wortschatz im Englischen assoziiert, unabhängig davon, ob ein(e) Schüler(in) einsprachig oder mehrsprachig ist (Hopp et al., 2017).

Im Bereich der Grammatik weisen mehrsprachige Schüler(innen) als Gruppe ebenfalls niedrigere Testleistungen als einsprachig deutschsprachige Schüler(innen) auf. Schüler(innen), deren Erstsprache eine andere Wortstellung als das Englische hat, haben z.B. mit der Wortstellung im Englischen (Subjekt-Verb-Objekt) größere Probleme als Schüler(innen), deren Erstsprache dem Englischen grammatisch ähnelt. Jedoch werden diese sprachspezifischen Gruppenunterschiede überlagert von individuellen Unterschieden in Arbeitsgedächtnis und kognitiven Grundfertigkeiten, die einen größeren Einfluss auf die grammatische Englischkompetenz zeigen als die grammatischen Eigenschaften der Erstsprache.

 

Was bedeutet das für die Praxis

Die ersten Ergebnisse des Projekts MEG-SKoRe belegen, dass Mehrsprachigkeit an sich weder eine generelle Ressource noch einen Nachteil im frühen schulischen Englischerwerb darstellt. Vielmehr zeigt sich, dass individuelle Faktoren wie kognitive Ressourcen, eine hohe metalinguistische Bewusstheit und ein größerer Wortschatz in der Muttersprache Potenziale im Erlernen einer weiteren Fremdsprache sind. Diese Potenziale können im Englischunterricht didaktisch angesprochen und gezielt gefördert werden. So kann die Qualität des Englischunterrichts in der Primarstufe optimiert werden, denn gerade schulische Aspekte beeinflussen Kompetenzen in Wortschatz und Grammatik im Englischerwerb am stärksten. Im weiteren Verlauf des Projekts werden zusätzliche Aspekte individueller Ressourcen von Mehrsprachigkeit identifiziert und in didaktische Handlungsempfehlungen überführt.