Abgeschlossen: Förderung der Deutsch-Lesekompetenz bilingualer Grundschüler durch Peer-Learning - Zur Bedeutung des Sprachintergrunds und der Sprache der Peer-Kommunikation (BiPeer)

Projektvorstellung

Kinder mit Zuwanderungshintergrund aus der Türkei verfügen bereits in der Grundschule über niedrigere Lesekompetenzen als ihre Mitschüler*innen. Dieses Projekt untersuchte Möglichkeiten, der Lese- und Rechenkompetenz Türkisch/Deutsch bilingualer Grundschüler*innen durch Peer-Learning zu unterstützen. Beim Peer-Learning lernen jeweils zwei Kinder (Peers) gemeinsam nach strukturierten Abläufen. Interventionsstudien haben gezeigt, dass Peer-Learning schulisch relevante Kompetenzen wie Lesekompetenz fördert und Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status oder mit Zuwanderungshintergrund hiervon besonders profitieren. Forschung zur Tandem-Zusammenstellung berücksichtigte hauptsächlich das Geschlecht, Alter und Leistungsniveau der Peers. Obwohl kommunikative Fähigkeiten für erfolgreiches Peer-Learning essentiell sind, wurde die Tandem-Zusammensetzung hinsichtlich des Sprachhintergrunds sowie Sprachgebrauchs bilingualer Peers bisher kaum erforscht. Ein bilinguales Kind könnte mit einem monolingualen zusammen lernen und dabei vom größeren Vokabular in der Unterrichtssprache des monolingualen Kindes profitieren. Auch wenn zwei bilinguale Kinder gemeinsam beide Sprachen beim Lernen nutzen, könnte dies die Kommunikation während des Peer-Learnings erleichtern und so zu höherem Leseverständnis führen. In dieser Studie wird deshalb untersucht, inwieweit es gelingt, die Lesefertigkeiten von Türkisch/Deutsch bilingualen 3.- und 4.-Klässler*innen mit einem Peer-Learning-Training zu verbessern (Forschungsfrage 1) und welchen Einfluss die Zusammensetzung der Tandems hinsichtlich des Sprachhintergrunds (Forschungsfrage 2) und die in der Peer-Interaktion gesprochene Sprache (Forschungsfrage 3) auf den Trainingserfolg haben.

Wie und was wurde untersucht?

BiPeer untersucht die oben angeführten Fragestellungen in einer Peer-Learning gestützten Interventionsstudie mit 164 monolingual deutschsprachig und bilingual türkisch-deutschsprachig aufwachsenden Kindern der 3. und 4. Klasse: Das besondere an der Interventionsstudie ist, dass die drei Lese-Interventions-Gruppen (LG) mit drei Kontroll-Gruppen (RG) verglichen werden, in denen die Kinder ebenso im Tandem lernten, aber Rechenstrategien einübten. Dementsprechend können die Forschungsfragen dieser Studie auch hinsichtlich des Förderinhalts „Rechnen“ untersucht werden.

Die Trainings

Die Kinder nahmen zwei Mal pro Woche nachmittags für jeweils 45 Minuten an einem Peer-Learning-Training teil (insgesamt 12 Sitzungen). Im Lesetraining wurden Tandemlesen und drei Lesestrategien eingeübt: Wortbedeutung klären, Zusammenfassen und Vorhersage. Das Rechentraining bestand aus Kopfrechnen und drei Rechenstrategien: Hilfsaufgabe, Vereinfachen und Ergänzen.

Die Inhalte der zwölf Sitzungen waren vorstrukturiert, um den Ablauf für alle Kinder vergleichbar zu halten. Während der Sitzungen nahmen die Kinder wechselnde Rollen als Tutor (Lehrender) oder Tutand (Lernender) an. Jedes Tandem wurde durch eine geschulte Übungsleitung begleitet, die in den Gruppen LG3 und RG3 ebenfalls Türkisch/Deutsch bilingual war. Auch wurden in den beiden Gruppen ausgewählte Teile der Instruktionen, Gespräche und Spiele auf Türkisch eingebracht, um die Kinder zum Türkischsprechen anzuregen.

Erhebungen

Erhebungen fanden vor, während und unmittelbar nach der Intervention sowie etwa ca. 6 Wochen später statt. Neben dem Einsatz von Fragebögen, standardisierten Kompetenz- und Leistungstests zum Lesen und Rechnen, zu Türkischfähigkeiten und Intelligenz (z. B. ELFE 1-6; HRT 1-4; WWT 6-10; CFT 20-R) sowie trainingsnahen Erhebungsverfahren wurden ausgewählte Sitzungen mit Diktiergeräten aufgenommen. Diese Aufnahmen ermöglichen eine detaillierte Analyse der Peer-Interaktion hinsichtlich der genutzten Sprache(n). Die Eltern der teilnehmenden Kinder wurden fragebogengestützt in einem Telefoninterview unter anderem zum Spracherwerb und zur Sprachnutzung innerhalb der Familie befragt.

Ergebnisse

Das Lese- und Rechenstrategietraining ist trotz der relativ kurzen Dauer und des außerunterrichtlichen Settings erfolgreich. Kinder, die am Lesetraining teilgenommen haben, verbessern ihr Leseverstehen über die Dauer des Trainings hinweg und signifikant mehr als diejenigen, die am Rechentraining teilgenommen haben. Ebenso haben sich Kinder, die am Rechentraining teilgenommen haben, in der Anwendung der Rechenstrategien gesteigert und signifikant mehr verbessert als Kinder, die am Lesetraining teilnahmen (Forschungsfrage 1). Die Zusammensetzung der Tandems hinsichtlich des Sprachhintergrunds spielte für den Lernerfolg keine Rolle: bilinguale Kinder lernen mit monolingualen und bilingualen Peers gleich gut (Forschungsfrage 2). Auf Basis der bisherigen Datenauswertung deutet sich an, dass sich ein zusätzlicher förderlicher Effekt der zweisprachigen Kommunikation während des Trainings nur für das Rechentraining nachweisen lässt: bilinguale Kinder, die mit ihrem biligualen Peer sowohl Deutsch als auch Türkisch in der Kommunikation nutzen durften, hatten einen signifikant größeren Zuwachs in der Anwendung der Rechenstrategien als bilinguale Kinder, die die kein mehrsprachiges Angebot erhielten (Forschungsfrage 3).

Was bedeutet das für die Praxis?

Peer-Learning ist ein vielversprechender Ansatz, um die Lese- und Rechenkompetenz von Türkisch-Deutsch bilingualen Grundschulkindern zu fördern. Hierbei scheint es unerheblich zu sein, ob sie mit monolingualen oder anderen bilingualen Kindern zusammenarbeiten, sodass andere Faktoren hinsichtlich der Gruppenzusammenstellung fokussiert werden können. Peer-Learning stellt eine anwendungsorientierte Möglichkeit dar, Herkunftssprachen in den schulischen Lernkontext zu integrieren, ohne zusätzliche Sprachkenntnisse von Lehrkräften vorauszusetzen. Die zusätzliche zweisprachige Kommunikation beim Lernen hat keine Nachteile für den Lernzuwachs der bilingualen Kinder und birgt hinsichtlich Rechenstrategien gar Vorteile bezüglich des Lernzuwachses. Gezielte Anregungen (z. B. durch Spiele auf Türkisch) scheinen hilfreich zu sein, damit die Kinder das Angebot zur Türkischnutzung auch annehmen. Zudem sollten explizit Möglichkeiten mit den Kindern entwickelt und aufgezeigt werden, wie die Mehrsprachigkeit beim Peer-Learning genutzt werden kann.