Abgeschlossen : Inszenierte Mehrsprachigkeit in drama- und theaterpädagogischen Settings im Regel- & Projektunterricht. Empirische Analysen zu sprachlich & kulturell heterogenen Kontexten unter Berücksichtigung von Herkunftssprachen und Deutsch als Zweitsprache

Projektvorstellung

Abschlussbericht des Projekts: Abschlussbericht

Das Projekt untersuchte den Aspekt der Mehrsprachigkeit und den Einbezug von Herkunftssprachen in spielerischen und dramapädagogischen Szenarien im Projekt- und im Regelunterricht (Klassenkontext) der Sekundarstufe I. Dies erfolgte vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um eine Mehrsprachigkeitsdidaktik, die als Chance für Sprachbewusstheit, Sprachförderung, Interkulturalität und Integration gesehen wird.

Das Forschungsinteresse für den Umgang mit Mehrsprachigkeit in spielerischen Szenarien lag im Einzelnen auf

  1. der konkreten Umsetzung, d.h. auf dem sprachlichen Verhalten und den interaktiven Aushandlungen in Bezug auf Aufgabenverteilung, Verständnissicherung, performativen Aspekten der Selbstpräsentation und Feedback.
  2. den Perspektiven der Beteiligten: Selbst- und Fremdwahrnehmung von Sprachen und Kulturalität sowie Indikatoren für Lernprozesse und Veränderungen in den Wahrnehmungen und Beziehungen der Beteiligten in mehrsprachigen und interkulturellen Konstellationen.

Ausgelotet werden sollten hierbei Möglichkeiten und Grenzen der Aufnahme und Inszenierung von Mehrsprachigkeit in spielerischen Szenarien und theaterpädagogischen Ansätzen sowie die Formulierung von Gelingensbedingungen für den unterrichtlichen Einbezug von Herkunftssprachen.

Wie und was wurde untersucht?

Grundlegender Bestandteil war das Konzept der 'Performativen Kompetenz'. Darunter wird ein Bündel von Fähigkeiten des Individuums verstanden, z.B. die Inszeniertheit allen sozialen Handelns zu verstehen, selbst soziale Interaktionssituationen zu initiieren, diese selbstbestimmt mitzugestalten und die eigene Rolle darin kritisch zu reflektieren. In diesem Kontext wurde der Frage nachgegangen, wie sich Interaktionen zwischen den beteiligten Personen gestalten und wie im Sinne einer Mehrsprachigkeitsdidaktik unterschiedliche sprachliche und kulturelle Ressourcen in den gegebenen Kontexten eingebracht wurden. Das Erkenntnisinteresse lag auf den Erfahrungen und Lernprozessen der Beteiligten sowohl in der Präsentation eigener Sprache(n) als auch in der Wahrnehmung anderer Sprache(n) und Sprecher anderer Sprache(n).

Möglichkeiten zur Vergleichbarkeit der Interaktionen wurden über die Durchführung eines identischen Kanons mehrsprachiger spielerischer Szenarien im Projekt- und Regelunterricht hergestellt. Die Einheiten integrierten szenische Spielformen und waren performativ orientiert, d.h. der tatsächliche Gebrauch von Sprache, stand im Fokus. Ebenso zielten die Übungen auf ganzheitliche Sprachbildung sowie das Anbahnen von ‚language awareness‘ (Sprachbewusstheit) über die Auseinandersetzung mit der vorhandenen Sprachenvielfalt der Schülerschaft. Sie orientierten sich an verbreiteten Verfahren der Mehrsprachigkeitsdidaktik. Um das Interaktionsverhalten zu analysieren, wurden die Situationen videografisch dokumentiert und analysiert. Um die Wahrnehmung und Perspektiven der beteiligten SuS sowie LuL zu erfassen, wurden mündliche Befragungen durchgeführt sowie einzelne Videosequenzen kommentiert (auch „Stimulated Recall“ genannt). Komplementiert wurden die Untersuchungen durch Sprachstandstests (C-Test, Profilanalyse) und eine quantitative Fragebogenerhebung zu sozialen Hintergrunddaten, zur Sprachbiografie sowie zur Selbsteinschätzung mündlicher Kompetenz.

Ergebnisse

Besonderes Augenmerk wurde auf die Selbsteinschätzung der mündlichen Erzählkompetenz durch die Schüler/innen gelegt, also wie kompetent sich Lernende beim Gebrauch des Deutschen selbst erleben und beurteilen. Beim Abgleich dieser Einschätzungen mit den Daten zum Sprachstand, die jeweils am Anfang des Projektunterrichts erhoben wurden, traten erhebliche Unterschiede zwischen den Schüler/innen zutage. Die Interviews, die am Ende des Regelunterrichts geführt wurden, weisen in ihren Aussagen auf eine Zunahme an sprachlicher Kompetenz hin. Hingegen zeigen die Daten für den Projektunterricht, dass die intensive Kommunikation während der Projektwoche ein verstärktes Vertrauen in die eigenen – sprachlichen – Fähigkeiten förderte. Gleichzeitig zeigen die Analysen der videografierten Interaktionen innerhalb des Regelunterrichts, dass der performative Kompetenzzuwachs in Verbindung mit dem Sprachzuwachs stand.

Die interviewten Lehrenden schrieben der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit der Schüler/innen allgemein einen potentiell positiven Einfluss auf die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten, Sprach- und Kulturbewusstheit zu, gleichzeitig zeichneten sich jedoch Zweifel ab, welcher Stellenwert den Herkunftssprachen eingeräumt werden soll. Viele Lehrkräfte sahen Herkunftssprachen als primäres Medium der Familienkommunikation kritisch im Hinblick auf die Entwicklung des Deutschen und waren sich bezüglich der Einbindung der Herkunftssprachen in den Unterricht unsicher, ob sich diese nicht auch irritierend auf die sprachliche Entwicklung der Kinder auswirken.

Die Schüler/innen bewerteten das Kennenlernen der Herkunftssprachen ihrer Mitschüler/innen durch die mehrsprachigen Übungen positiv, gleichzeitig zeigten sie eine ambivalente Haltung hinsichtlich des Einsatzes der eigenen Herkunftssprache. Als Schwierigkeiten werden in diesem Zusammenhang häufig Hemmungen oder Ängste genannt, die auf negative Erfahrungen mit der Verwendung der Herkunftssprache zurückzuführen waren. Andererseits beschrieben viele einen Prozess des Entdeckens, der durch den Kontakt mit den Sprachen ihrer Mitschüler/innen zustande kam. Die Aussagen der Befragten legten einen Zugewinn an Erkenntnissen in den Bereichen Wortschatz, Lernstrategien und dem Erkennen struktureller Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Sprachen (Language Awareness) nahe.

Die Analysen zeigten, dass ‚freiere Settings‘ wie der Projektunterricht durch eine freiere Situierung im Raum mehr Möglichkeiten zum interaktiven Austausch bieten können. Zudem bietet der Projektunterricht mehr Offenheit in Hinblick auf Thematisierung von Sprachen und Identitäten/ Zugehörigkeiten und mehr Gestaltungsmöglichkeiten für emotionale und soziale Aspekte. Gleichzeitig stellen freiere Settings durch die ihnen inhärente Offenheit im Prinzip aber auch höhere Anforderungen (Impulse, Reaktionen) an Lehrende oder andere am Projektunterricht beteiligte Personen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Zunächst deutet sich an, dass Lehrende ermutigt und befähigt werden sollten, im Sinne eines sprachbewussten Unterrichts Herkunftssprachen produktiv in den Unterricht einzubinden und selbst kompetent aus dem vorhandenen Angebot an mehrsprachigkeitsdidaktischen Konzepten und Methoden wählen zu können. Insbesondere inszenierte Formen, die auf den Prinzipien der Dramapädagogik basieren, können einen bedeutenden Beitrag leisten, indem sie durch freie Gestaltung und vielfältige Ausdrucksformen zum einen die performative Kompetenz der SuS anregen, d.h. überhaupt den Mut Sprache(n) (sowohl Deutsch wie auch die Herkunftssprache(n) zu benutzen, und zum anderen kreativen Raum lassen, auch sprachbiografische Elemente einfließen zu lassen.

Gleichzeit verdeutlichen die Befunde, dass ein großer Bedarf an Fortbildungen besteht, die Lehrende für den Umgang mit Erstsprache(n)/ Herkunftssprache(n) sicherer machen und für eine kompetente Auseinandersetzung mit mehrsprachigkeitsdidaktischen Ansätzen vorbereiten.  Lehrkräfte sollten zudem motiviert werden, stärker auf die Sprachbiografie ihrer Schüler/innen einzugehen, um so mehr über die vorhandene Lebendigkeit der (teils verdeckten) Sprachen in ihrer Klasse zu erfahren, ohne dabei Gefahr zu laufen, zu stark zu kulturalisieren oder von außen Zuschreibungen vorzunehmen.