Sprachenbildung im Mathematikunterricht unter Berücksichtigung der Mehrsprachigkeit – Strategien mehrsprachigen Handelns in mathematischen Lehr-Lern-Prozessen von Bildungsinländern und Neu-Zugewanderten (MuM-Multi 2)

Projektvorstellung

Die Forderung nach Einbezug mehrsprachiger Ressourcen in schulische Lernprozesse hat nicht zuletzt durch die hohe Zahl Neu-Zugewanderter weitere Aktualität gewonnen. Trotz dieser großen und aktuellen Relevanz liegen für den Fachunterricht aller Schulfächer bislang wenig Konzepte und empirische Erkenntnisse vor, wie der Einbezug mehrsprachiger Ressourcen in sprachlich heterogenen Klassen zu gestalten ist, und welche Wirkungen dies auf die fachlichen Verstehensprozesse haben kann.

Das Projekt MuM-Multi 2 setzt sich daher zum Ziel, alltagstaugliche Konzepte und Beiträge zur Theoriebildung einer Didaktik des mehrsprachigen Fachunterrichts zu entwickeln. Es setzt das Vorgängerprojekt MuM-Multi 1 fort, in dem die Bedeutung und Gelingensbedingungen mehrsprachiger Diskurse für mathematisch konzeptuelle Verstehensprozesse von deutsch-türkischen Siebtklässler*innenquantitativ und qualitativ am Beispiel des mathematischen Themengebiets Brüche untersucht wurden, in interdisziplinärer Kooperation zwischen Linguistik und Mathematikdidaktik.
Die Fortsetzung erfolgt wiederum interdisziplinär:

  • durch Ausweitung auf andere Zielgruppen, von türkisch-deutsch mehrsprachigen Bildungsinländern („Alt-Zugewanderte“) hin zu primär arabischsprachigen Neu-Zugewanderten (Arbeitsbereich A),
  • durch Vertiefung der empirischen Einsichten in mehrsprachige Kleingruppenprozesse im Zuge eines Vergleichs mit Daten und Prozessen der Neu-Zugewanderten (Arbeitsbereich B) sowie
  • durch das praxisbezogene zentrale Ziel der Integration der Ansätze zur Aktivierung mehrsprachiger Ressourcen nicht nur im Kleingruppen-Förderunterricht, sondern im Klassenunterricht sprachlich heterogener Klassen (Arbeitsbereich C).
Wie und was wird untersucht?

Die Entwicklung und Erforschung des regulären Mathematikunterrichts in sprachlich heterogenen Klassen soll anhand des Forschungsrahmens Design Research untersucht werden. Mit drei Designexperimentzyklen werden 3 x 2 Klassen je vier Stunden lang zur Integration und Erprobung verschiedener Formen und Strategien mehrsprachigen Handelns angeregt und in zyklischer Entfaltung beobachtet (Arbeitsbereich C).

Weiterhin werden mehrsprachige kooperative Aufgabenbearbeitungen in Kleingruppen für Neu-Zugewanderte (n=21) initiiert. Diese Prozesse werden videographiert und mit den vorliegenden Video-Daten der deutsch-türkischen Bildungsinländer aus MuM-Multi 1 (n = 41) vergleichend analysiert. Die Analyse erfolgt hinsichtlich der diskursiv aktivierten Formen und Strategien mehrsprachigen Handelns und ihrer situativen Wirkungen auf die fachlichen Verstehensprozesse. (Arbeitsbereich B)

Weiterhin sollen Leistungs- und Hintergrunddaten von ein- und mehrsprachigen Bildungsinländern und mehrsprachigen Neu-Zugewanderten analysiert und verglichen werden (Arbeitsbereich A).

Geplante Ergebnisse

Als Ertrag leitet sich mit Blick auf Sprachfördermaßnahmen eine differentielle Einschätzung ab, wie lohnend die systematische Aktivierung von mehrsprachigen Ressourcen für die Verstehensprozessierung ist und inwieweit sich diese Aktivierung für mehrsprachige Bildungsinländer und Neu-Zugewanderte als probate Förderung erweist. Darüber hinaus wird ein Konzept für eine Implementierung in den schulischen Alltag heterogener Klassen erprobt. Theoretisch wird ein Beitrag zur Bestimmung mehrsprachigen Handelns im Fachunterricht am Beispiel mathematischen Konzeptverstehens ausformuliert, sodass sich curriculare Konsequenzen und Lehrerausbildungskonzepte darauf gründen lassen.

Was bedeutet das für die Praxis?