Abgeschlossen : Mehrschriftlichkeit - Zur Wechselwirkung von Sprachkompetenzen in Erst- und Zweitsprache und außersprachlichen Faktoren

Projektvorstellung

Abschlussbericht des Projekts: Abschlussbericht

Ziel des Projektes ist es, die Wechselwirkungen von schriftsprachlicher Kompetenz in Erst- und Zweitsprache bei bilingualen Schülerinnen und Schülern des 9. und 10. Schuljahres mit Türkisch, Italienisch und Griechisch als Herkunftssprache zu untersuchen. Dabei sollen die Einflüsse außersprachlicher Faktoren (z.B. Einstellung zur Sprache, literale Praktiken, Sprachgebrauch etc.) und metasprachlichen Bewusstseins[1] auf die Textkompetenz in beiden Sprachen beleuchtet werden. Es wurden die folgenden Hypothesen überprüft:

  • Es besteht eine Wechselwirkung zwischen der Textkompetenz in der Erstsprache (L1) und der Zweitsprache (L2): Eine hohe Textkompetenz in der L1 bedingt eine hohe Textkompetenz in der L2
  • Außersprachliche Faktoren und metasprachliches Sprachbewusstsein beeinflussen die Textkompetenz in der L1 und L2
Wie und was wurde untersucht

Es wurden zunächst Erhebungsinstrumente entwickelt, um die Textkompetenz und die außersprachlichen Faktoren sowie das metasprachliche Bewusstsein untersuchen zu können.

Textvorlagen

Es wurden Aufgaben entwickelt, um narrative und argumentative Texte zu elizitieren. Für die narrativen Texte wurden jeweils unterschiedliche Bildimpulse in L1 und L2 ausgewählt, die eine Phantasiegeschichte hervorrufen sollten. Für die argumentativen Texte wurde jeweils eine Aufgabe in Form eines argumentativen Briefes erstellt: in der L1 zum Thema „Fremdsprachenverbot auf dem Schulhof“ und in der L2 zum Thema „Handyverbot am gesamten Schulgelände“. Die Aufgaben wurden zunächst pilotiert und dann im Abstand von vier Wochen in L1 und L2 erhoben.

Language Awareness Test (LAT)

Auf der Grundlage des Sprachbewusstheitstests von Fehling (2005) wurde ein Test zur Messung des metasprachlichen Bewusstseins (LAT) entwickelt, der die Komponenten pragmatisches, semantisches und textuelles Wissen in L1 und L2 erfassen kann. Damit sollten auf der pragmatischen Ebene die Registerkompetenz und Adressatenorientierung und auf der semantischen Ebene der Gebrauch von Synonymen und Passepartout-Wörtern untersucht werden. Auf der textuellen Ebene sollte das Wissen über Textordnungsmuster bzw. die Kohärenz und Kohäsion eines Textes erfasst werden.

Sprachbiographische Schülerinterviews in L1 und L2

Zur Überprüfung des Einflusses außersprachlicher Faktoren auf die Textkompetenz dienten Interviews in L1 und L2, die Fragen nach Spracheinstellungen, Sprachgebrauch (mündlich und schriftlich) etc. enthielten. Ziel der Interviews in beiden Sprachen war es einerseits, die Kompetenzniveaus der Schüler(innen) zu interpretieren, sowie festzustellen, ob Spracheinstellungen in Abhängigkeit von dem/der jeweiligen muttersprachlichen Interviewer(in) in den jeweiligen Sprachen unterschiedlich kommuniziert werden.

Elterninterviews

Weitere soziolinguistische Daten (z.B. literale Praktiken im Elternhaus, Sprachgebrauch, sprachlicher Input) wurden durch Elterninterviews erhoben.

Übersicht über die erhobenen Daten

Im Rahmen des Projektes wurden insgesamt 206 Proband(inn)en erreicht und die folgenden Daten erhoben und ausgewertet.

Auswertung

Entwicklung eines Textanalyserasters: Für die Beurteilung der Textkompetenz in den jeweiligen Sprachen wurde ein Modell entwickelt, mit dem es möglich ist, globale Textmuster zu erfassen. Dabei werden die Makro- und Mikrostruktur, der Diskursmodus (konzeptionell mündliche bzw. schriftliche Strukturen) und die kommunikative Grundhaltung (Distanzierung vs. Involvierung) berücksichtigt. Basierend auf diesen Kriterien wurde ein detailliertes Analyseraster für die jede Textsorte entwickelt, das fünf Textniveaustufen umfasst. Die Texte wurden von jeweils drei unabhängigen Bewerter(inne)n ausgewertet.

Auswertung des Language Awareness Tests: Die Antworten des LAT-Tests wurden hinsichtlich ihrer Angemessenheit anhand einer Skala von 1 bis 4 gerankt. Daraus ergeben sich die Werte auf der semantischen, pragmatischen und textuellen Ebene in der L1 und L2, sowie der Gesamtwert des LAT-Tests. Diese Vorgehensweise ermöglicht die quantitative Auswertung der Aussagen.

Auswertung der sprachbiographischen Daten: Die sprachbiographischen Interviews wurden orthographisch transkribiert. Anhand der Sprecheraussagen wurden Sprachgebrauchsprofile erstellt, die die Unterschiede zwischen den Schüler(inne)n aufzeigen. In den Profilen wurden v.a. die Daten mit Hilfe der freien Programmiersprache für statistisches Rechnen und statistische Grafiken R (vgl. R Core Team 2013) nach dem generalisierten linearen gemischten Modell statistisch ausgewertet.

Ergebnisse

Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die Proband(inn)en der drei Sprachgruppen ein höheres Niveau bei den argumentativen Texten in der L2 als in der L1 erzielen. Die argumentativen Texte der L1 weichen auf der Ebene der Textstruktur (Makrostruktur) erheblich von der jeweiligen kulturspezifisch geprägten Struktur ab, was mit dem fehlenden Erwerb der entsprechenden Muster in der L1 erklärt werden kann. Im Vergleich zu den Argumentationen wird bei den Narrationen ein höheres Textniveau in beiden Sprachen erreicht. Generell gilt, dass bei Proband(inn)en, die eine hohe Textkompetenz in der L1 aufweisen, auch eine gute Kompetenz in der L2 vorliegt.

In Bezug auf das metasprachliche Bewusstsein weisen die Ergebnisse auf einen Zusammenhang mit den Textkompetenzen hin. Die Schüler(innen) mit einer geringen Textkompetenz in der L1 zeigen, dass sie sich der notwendigen Komponenten eines Textes (z.B. Textkohäsion und -kohärenz) bewusst sind und registerspezifische Normen (z.B. angemessene Adressierung des Hörers) in der Regel richtig einschätzen können. Diesen Aspekt gilt es daher in einem didaktischen Konzept zu berücksichtigen. Es sollten spezifische Aufgaben entwickelt werden, die das metasprachliche Bewusstsein fördern. Außerdem sollte ein Konzept entwickelt werden, z.B. im Sinne einer kontrastiven Sprachdidaktik, in dem die unterschiedlichen Textmuster, verschiedene Argumentationsmuster und rhetorisch-stilistische Unterschiede in den jeweiligen Sprachen gegenübergestellt werden.

Die statistische Analyse der soziolinguistischen Daten weist darauf hin, dass der muttersprachliche Unterricht erst bei einer Dauer von sieben Jahren einen positiven Einfluss auf die Textkompetenz in der L1 ausübt. Dies könnte aber auch mit anderen Faktoren wie z.B. der Gestaltung des Unterrichts (v.a. wenn er außerhalb des Regelunterrichts stattfindet) zusammenhängen. Das bestätigen Lehrer(innen)befragungen und Stellungnahmen der Schüler(innen) in den sprachbiographischen Interviews. Allerdings lässt sich auch zeigen, dass Unterricht in der L1, wenn auch keine signifikant positive, aber auch keine negative Wirkung hat. Eine starke positive Wirkung auf die Textkompetenz in der L1 haben dagegen die literalen Praktiken im Elternhaus sowie die Spracheinstellung und der Sprachgebrauch der Proband(inn)en.

 

Was bedeutet das für die Praxis

  • Die Sprachförderung von mehrsprachigen Kindern muss in beiden Sprachen erfolgen.
  • Bei der Förderung der L1 leidet die L2 nicht, sondern wird im Gegenteil gestärkt.
  • Zur mehrsprachigen Förderung gehört auch der Erwerb von Schriftlichkeit (Literalität) als Teil des expliziten Wissens.
  • Die Förderung des metasprachlichen Bewusstseins, d.h. ein differenziertes Wissen über sprachliche Strukturen und Sprachgebrauchsregeln, soll im Unterricht stärker berücksichtigt werden.

 

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