Abgeschlossen: Sprachförderung im Mathematikunterricht unter Berücksichtigung der Mehrsprachigkeit – Wirksamkeit und Wirkungen eines fach-und sprachintegrierten Förderansatzes mit und ohne Erstsprache auf sprachliches und fachliches Verstehen (MuM-Multi)

Projektvorstellung

Leistungsdisparitäten zwischen ein- und mehrsprachigen Jugendlichen sind vielfach belegt, daher ist die Sprachförderung auch für den Fachunterricht der Sekundarstufe I sehr bedeutsam. Dabei werden besonders Formen der alltäglichen Wissenschaftssprache (AWS) und fachspezifi­schen Wissen­schafts­sprache (FWS) relevant, ohne deren Bewältigung der Schulerfolg gefährdet ist. Ihre Rolle für das fachliche Lernen genauer zu verstehen, ist Ziel des Projekts, insbesondere mit Blick auf mehrsprachige Lernende.

Oft wiederholt ist die Forderung, die mehrsprachigen Ressourcen der Lernenden konsequenter auch für Sprach- und Fachlernen zu nut­zen. Doch wie kann eine dies­bezügliche Praxis der Unterrichtskommunikation und gezielte Sprach­bildung konkret aussehen? Und welche Hintergründe und Gelin­gens­bedingungen müssen für mehrsprachige Lehr-Lernprozesse berück­sichtigt werden?

In anderen Studien wurden korrelative Zusam­men­hänge zwischen mehr­sprachigen Kompetenzen und Leistungsdaten bereits klar herausgearbeitet und Transferprozesse von der Förderung in einer Sprache auf eine andere Sprache gezeigt. Darüber geht das interdisziplinäre Forschungsprojekt MuM-Multi hinaus, indem es die mehrsprachigen Lehr-Lernprozesse selbst zum Forschungsgegenstand macht: Durchgeführt wurden zweisprachig türkisch-deutsche fach- und sprachintegrierte Förderungen im Jahrgang 7 nach dem Prinzip der Sprach- und Darstellungs­vernetzung.

Für das Fach Mathematik wird untersucht, wie für mehrsprachige Lernende die Förderung von fach­lich-konzeptuellen Verständnis und die Förderung verstehensprozessierenden sprachlichen Handelns integriert wer­den können und welchen Einfluss die (mehr-)sprachigen Ressourcen auf Ver­stehens­pro­zes­se nimmt, auch unter schwierigen Bedingungen des späten Starts mehr­sprachigen Lernens (in Klasse 7). Konkret werden im Projekt eine ein­sprachig deutsche und eine zweisprachig türkisch-deutsche Unter­richts­inter­ven­tion zur Förderung des Brüche­-Verständnisses von Jugend­lichen auf Wirk­samkeit und Wirkungen untersucht. Zwei zentrale Frage­stellungen wer­den verfolgt: Inwieweit verbessern die ein- und zweisprachigen För­derungen die mathematischen verstehens­bezo­ge­nen Leistungen der Ler­nen­den? Wel­ches situative Potential entfaltet welche Form der Vernetzung der Sprachen zur Intensivierung fachlicher und sprach­licher Verstehens­prozesse?

Wie und was wurde untersucht

In einem Mixed-Methods-Design wird eine Inter­ventionsstudie mit Prä-Post-Follow-Up-Messungen kombiniert mit Video­analysen der zweisprachigen Lehr-Lernprozesse für eine Stichprobe von 128 türkisch-deutschen Jugendlichen mit schwachen Mathematikleistungen. Verglichen wird eine ein- und eine zweisprachige Förder-Intervention zum konzeptuellen Ver­ständ­nis von Brüchen.

Die quantitative Untersuchung der Wirksamkeit zielt auf die abhängige Variable der Leistungszuwächse im Brüche-Verständnis. Als Kontroll­variable werden Migrationshintergrund, sozioökonomischer Status, Zeit­punkt des Deutscherwerbs und Sprachkompetenz im Deutschen berück­sich­tigt. Die qualitativen Analysen der genau­eren Wirkungen untersuchen die video­graphierten zweisprachigen Förderprozesse. Auf der Basis linguis­tischer und mathematikdidaktischer Analysen werden Fallkon­trastierungen nach Interventionsform und mehrsprachigen Ressourcen der Lernenden durchgeführt.

Ergebnisse

Beide Förderungen, die einsprachige und die zweisprachige, zeigen erheb­liche Leistungszuwächse mit sehr hohen Effektstärken, die sich signifikant von der Kontrollgruppe unterscheiden. Widerlegt worden konnte die oft geäu­ßerte Hypothese, dass zweisprachiges Lernen Ablenkung vom Fach­lernen bedeuten könnte: Selbst angesichts der institutionell ungewohnten Situa­tion ist die zweisprachige Förderung für den mathematischen Leistungs­zuwachs genauso wirksam wie die einsprachige. Für Lernende mit hoher Türkisch-Kompetenz lässt sich sogar die Tendenz nachweisen, dass sie von der zweisprachigen Förderung mehr profitieren als von der ein­spra­chigen. Daraus lässt sich schließen, dass längerfristige zweisprachige Förderun­gen, in denen die Lernenden ihre türkischen Sprachkompetenzen breit aktivieren oder gar ausbauen, sich günstig auf das Fachlernen aus­wir­ken müssten.

Die derzeit laufenden qualitativen Detailanalysen der zweisprachigen Lehr-Lern­prozesse erlauben Einsichten in unterschiedliche Strategien von Lehr­kräften und von Lernenden, mit denen sie Mehrsprachigkeit für das fach­liche Lernen aktivieren. Zugleich werden interessante Wirkungen in den mathe­matischen Konzeptentwicklungen erkennbar und zwar insbesondere in Momenten, in denen beide Sprachen vernetzt oder verknüpft werden. Der oft mit Skepsis betrachtete Sprachenmix könnte also positive Auswirkungen auf das Lernen haben. Die Hürden, die sich zunächst durch Lücken im schulischen Türkisch ergeben, können offenbar relativ schnell über­wunden werden; der Nutzen durch die Vernetzung der Sprachen wird immer wieder sichtbar.

Der Untersuchung erbringt damit ein linguistisch differenziertes, auf wissens­methodische Aspekte hin angelegtes Sprachkonzept, mit dem das Konstrukt ‚Bildungssprache’ ausdifferenziert werden kann (Redder 2016) und die Nutzung mehrsprachiger Ressourcen in den Prozessen greifbar werden (Rehbein 2011). So leistet es einen Beitrag zur Theoriebildung von mehrsprachiger Handlungsfähigkeit in fachlichen Lernprozessen.

 

Was bedeutet das für die Praxis

Auch wenn das Projekt zunächst Grundfragen mehrsprachigen Handelns im Fachunterricht bearbeitet, gibt es wichtige Konsequenzen für die Praxis:

  • In jedem Alter kann damit begonnen werden, die erstsprachigen bzw. mehrsprachigen Ressourcen für das Fachlernen zu mobilisieren.
  • Je besser die Familiensprachen ausgebaut sind, desto effizienter gestalten sich die fachlichen Lernzuwächse; daher sollte so früh wie möglich mit mehrsprachigen Angeboten begonnen werden.
  • Auch wenn die Familiensprache nicht fachsprachlich verfügbar ist, können die Lernenden sie nutzen, um ein breiteres und sprachlich vernetztes Verständnis der fachlichen Konzepte aufzubauen und es mit Alltagsdenken zu verbinden. Im Unterricht sollten daher auch bei einsprachigen Materialien zeitweilig zweisprachige Kleingruppendiskussionen angeregt werden, bevor die Wissensgegenstände ins Deutsche übertragen werden.

Als Maxime könnte gelten: Keine Angst vor Sprachenmix und Code-Switching! Denn beides scheint lernförderlich.